{"id":126,"date":"2015-08-25T09:52:06","date_gmt":"2015-08-25T09:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/horatiohufnagel.lima-city.de\/wordpress\/?p=126"},"modified":"2017-01-04T19:30:48","modified_gmt":"2017-01-04T19:30:48","slug":"funktionelle-stoerung-krankheit-die-keine-ist-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horatiohufnagel.lima-city.de\/wordpress\/psychologie\/funktionelle-stoerung\/funktionelle-stoerung-krankheit-die-keine-ist-teil-1\/","title":{"rendered":"Funktionelle St\u00f6rung: \u201eKrankheit, die keine ist\u201d, Teil 1"},"content":{"rendered":"<h3>Einleitung<\/h3>\n<p>Die Medizin behauptet die Existenz einer Patientengruppe von \u201eeingebildeten Kranken.\u201d Bei diesen handele es sich um Patienten, bei denen die Medizin bereits \u201ealle\u201d Untersuchungen ohne Ergebnis durchgef\u00fchrt habe, so dass folglich \u201ekeine andere Erkl\u00e4rung\u201d \u00fcbrig bliebe, als dass die Beschwerden \u201epsychogen\u201d sein m\u00fcssten. Derart sieht das logische Schliessen in diesen F\u00e4llen aus.Getragen wird dieser logische <strong>Fehlschluss<\/strong> durch ein psychologisches Konstrukt, dessen typischen Merkmale wir an dieser Stelle beschreiben wollen.<\/p>\n<p>Wir nehmen daf\u00fcr u.a. Bezug auf<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Leitlinie<\/strong>\n<div data-canvas-width=\"650.2622\">Umgang mit Patienten mit nicht<\/div>\n<div data-canvas-width=\"657.4232\">spezifischen, funktionellen und<\/div>\n<div data-canvas-width=\"731.8976000000001\">somatoformen K\u00f6rperbeschwerden<br \/>\n(<a href=\"http:\/\/www.awmf.org\/uploads\/tx_szleitlinien\/051-001l_S3_Nicht-spezifische_funktionelle_somatoforme_Koerperbeschwerden_2012-04.pdf\">link<\/a>)<\/div>\n<\/li>\n<\/ol>\n<h4>1 Typische Charakterisierung von Patienten mit \u00bbNicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Koerperbeschwerden\u00ab<\/h4>\n<blockquote><p>1. \u201ePatienten, die fortgesetzt \u00fcber allerlei k\u00f6rperliche Beschwerden klagen, ohne dass dem eine erkennbare Erkrankung zugrunde liegt<\/p>\n<p>2. \u201eklagt fortgesetzt \u00fcber k\u00f6rperlichen* Beschwerden, obwohl\u201d die Routinediagnostik \u201eohne Befund\u201d verl\u00e4uft.<\/p>\n<p>3. \u201ewiederholte Darbietung k\u00f6rperlicher\u00a0 Symptome in Verbindung mit hartn\u00e4ckigen Forderungen nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter negativer Ergebnisse.\u201d<\/p>\n<p><strong>4. \u201eMi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen Klagen und Befunden\u201d<\/strong><\/p>\n<p>5. Patients <strong>complaining<\/strong> of pain and\/or fatigue <strong>in the absence of<\/strong> known physical diseases<\/p><\/blockquote>\n<p>* Mit dem Attribut \u201ak\u00f6rperlich\u2019 deutet der Mediziner \u2013 es handelt sich dabei um Relationsbegriffe<\/p>\n<p>wie \u201arechts\u2019 und \u201alinks\u2019 &#8211; bereits an, dass es sich in Wahrheit um das Gegenteil von \u203aorganischen\u2039 Beschwerden, n\u00e4mlich um \u203apsychosomatische\u2039 oder \u203aimmaterielle\u2039 Beschwerden handelt. Die Attribute werden nirgendwo eingef\u00fchrt, der Sprachgebrauch setzt das Verst\u00e4ndnis unkritisch voraus.<\/p>\n<h4>2. K\u00f6rperbeschwerden als prim\u00e4re (psychiatrische) Symptomatik: Woran erkennt man die \u201aFunktionale St\u00f6rung\u2019?<\/h4>\n<p>Ziel des Konstruktes der \u201eFunktionalen-St\u00f6rung\u201d ist nicht die psychosomatische Weltausdeutung schlechthin, wenngleich es die Bem\u00fchungen der entsprechenden Eiferer gerne zu seinem Fundament nimmt. Sie ist eine Teilmenge der \u201ebiopsychosozialen\u201d Kampfbegriff-Theorie (welcher\u00a0 ihrerseits das Ziel der aggressiven weltauslegerischen Expansion allerdings eignet.)<\/p>\n<p>Mit Diagnosen wie \u201eF45.0 Somatisierungsst\u00f6rung\u201d soll in der Hauptsache das Ph\u00e4nomen der \u201eungekl\u00e4rten Symptomatik\u201d aus der Medizin zu einer eigenst\u00e4ndigen Krankheit der Psychologie transformiert werden. Es braucht also nicht einmal eine eigene psychiatrische Grunderkrankung wie eine Depression begr\u00fcndet zu werden, als deren Folge etwa die \u201epsychosomatischen\u201d Symptome erst auftreten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Leitlinie spricht deshalb von<\/p>\n<blockquote><p><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00bbK\u00f6rperbeschwerden als prim\u00e4re Symptomatik.\u00ab<\/span><br \/>\n<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Noch offensichtlicher k\u00f6nnten die Anh\u00e4nger kaum sagen, da\u00df es ihnen um die Erledigung des Problems schwer zu diagnostizierender Symptomatiken geht.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass sich aus diesem Fehlen eigentlicher psychiatrischer Symptome die nicht zu untersch\u00e4tzende Schwierigkeit ergibt, dieses Konstrukt noch sinnvoll zu bezeichnen. Das Konstrukt greifen und benennen zu wollen ist wie einen Pudding an die Wand schlagen zu wollen. Dadurch wird Kritik behindert. Der Stereotyp vom \u201eEingebildeten Kranken\u201d tritt in immer neuen Konstrukten unter immer neuen Namen auf. Entzieht sich. Die psychiatrischen Konstrukte unter denen der Stereotyp auftritt sind stets <span style=\"text-decoration: underline;\">zeitlich begrenzt<\/span> (\u201eModebegriffe\u201d) und werden per <span style=\"text-decoration: underline;\">Mehrheitsbeschluss<\/span> (\u201eBinnenkonsens\u201d) als sogenannte Syndrome ratifiziert. Das einzig Bleibende an ihm scheint die Paradoxie: \u201eKrankheit, die keine ist\u201d, oder wie Erich K\u00e4stner sagte: \u201eMigr\u00e4ne sind Kopfschmerzen, wenn man keine hat.\u201d Wir werden weiter unten bei den \u201eatypischen Depressionen\u201d noch zwei weitere Paradoxien kennenlernen.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass sich aus diesem Fehlen eigentlicher psychiatrischer Symptome hinzukommt, dass psychiatrische Terminologie der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Euphemismus-Tretm%C3%BChle\">Euphemismustretm\u00fchle<\/a> unterliegt, weil der diskriminierende Gehalt und die damit verbundene geringe Akzeptanz der Diagnosen bei den<\/p>\n<p>Patienten aus Sicht der jeweiligen Erfinder ein blo\u00dfes Mi\u00dfverst\u00e4ndnis darstellt, welchem sie durch das immer neue Einf\u00fchren immer neuer Terminologien vergeblich Abhilfe zu schaffen suchen.<\/p>\n<p>Das Konstrukt greifen und benennen zu wollen ist wie einen Pudding an die Wand schlagen zu wollen. Der Stereotyp vom \u201eEingebildeten Kranken\u201d tritt in immer neuen Konstrukten unter immer neuen Namen auf. Entzieht sich. Die psychiatrischen Konstrukte unter denen der Stereotyp auftritt sind stets zeitlich begrenzt (\u201eModebegriffe\u201d) und werden per Mehrheitsbeschluss (\u201eBinnenkonsens\u201d) als sogenannte Syndrome ratifiziert. Dadurch wird Kritik deutlich behindert. Das einzig Bleibende an ihm scheint die Paradoxie: \u201eKrankheit, die keine ist\u201d, oder wie Erich K\u00e4stner sagte: \u201eMigr\u00e4ne sind Kopfschmerzen, wenn man keine hat.\u201d Wir werden bei den \u201eatypischen Depressionen\u201d noch zwei weitere Paradoxien kennenlernen.<\/p>\n<p>Die Schwierigkeit besteht also in der Bestandsaufnahme von f\u00fcr den Stereotyp zum jetzigen Zeitpunkt spezifischen Auspr\u00e4gungen.<\/p>\n<h5>2.1 Welche Terminologie benutzt der Stereotyp der sogenannten \u201eFunktionellen St\u00f6rung\u201d f\u00fcr sich selbst?<\/h5>\n<p>Die Leitlinie verwendet da\u00fcr durchg\u00e4ngig die festgepr\u00e4gte Formulierung<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Koerperbeschwerden\u201d<\/p><\/blockquote>\n<h5>2.2 Welche DSM\/ICD-10 Diagnosen sind kontempor\u00e4r relevant?<\/h5>\n<p>Die <span style=\"text-decoration: underline;\">Hypochondrie<\/span> muss hier eigentlich an erster Stelle genannt werden, denn sie hat sich am l\u00e4ngsten gehalten und ist ikonisch f\u00fcr den Stereotyp &#8211; ohne dass dieser aber auf jene Diagnose reduziert sei. Die \u201eDiagnose\u201d<\/p>\n<p>Hypochondrie beschreibt die &#8220;falsche \u00dcberzeugung, krank zu sein.&#8221;<\/p>\n<p>Die <strong>Tabelle 3.1<\/strong> der Leitlinie listet folgende Diagnosen aus \u201ePsychosomatischer Medizin\u201d,\u00a0 \u201ePsychiatrie\u201d sowie der \u201eKlinischen und Medizinischen Psychologie\u201d <strong>als f\u00fcr diesen Kontext relevant<\/strong> auf.<\/p>\n<ol>\n<li>Somatisierungsst\u00f6rung<\/li>\n<li>Undifferenzierte Somatisierungsst\u00f6rung<\/li>\n<li>Somatoforme autonome Funktionsst\u00f6rung<\/li>\n<li>Anhaltende somatoforme Schmerzst\u00f6rung<\/li>\n<li>Chronische Schmerzst\u00f6rung mit somatischenund psychischen Faktoren<\/li>\n<li>Hypochondrische St\u00f6rung<\/li>\n<li>Dissoziative St\u00f6rungen der Bewegung und Empfindung (Konversion)<\/li>\n<li>(Nicht wahnhafte) K\u00f6rperdysmorphe St\u00f6rung<\/li>\n<li>Neurasthenie<\/li>\n<li>\u201elarvierte\u201c oder \u201esomatisierte\u201c Depression<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"padding-left: 60px;\"><span style=\"color: #000080;\">Auch wenn die Leitlinie nur die larvierte Depression, nicht aber die F41.1 (Generalisierte) Angstst\u00f6rung auflistet, geh\u00f6rt sie unserer Meinung nach dennoch zu den relevanten Diagnosen. (Siehe unten)<\/span><\/p>\n<p>Die <strong>Tabelle 5.1<\/strong>: Aktuelle Klassifikation somatoformer St\u00f6rungen nach ICD-10 bietet noch eine genauere Auflistung mit Nennung der Diagnoseschl\u00fcssel.<\/p>\n<p>14. Nichts h\u00e4lt ahnungslose \u00c4rzte in der Praxis davon ab, unbekannte Symptome schon einmal Psychosen (\u201eWahngebilde\u201d) zu diagnostizieren (diagnostizieren zu lassen) aber das ist nicht unbedingt spezifisch f\u00fcr den Stereotyp der \u201eNicht-spezifische, funktionelle und somatoforme Koerperbeschwerden.\u201d<\/p>\n<p>Hier geht es zu <a href=\"https:\/\/horatiohufnagel.lima-city.de\/wordpress\/funktionelle-stoerung\/funktionelle-stoerung-krankheit-die-keine-ist-teil-2\/\">Funktionelle St\u00f6rung: \u201eKrankheit, die keine ist\u201d, Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Die Medizin behauptet die Existenz einer Patientengruppe von \u201eeingebildeten Kranken.\u201d Bei diesen handele es sich um Patienten, bei denen die Medizin bereits \u201ealle\u201d Untersuchungen ohne Ergebnis durchgef\u00fchrt habe, so dass folglich \u201ekeine andere Erkl\u00e4rung\u201d \u00fcbrig bliebe, als dass die Beschwerden \u201epsychogen\u201d sein m\u00fcssten. 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