{"id":242,"date":"2016-05-31T18:02:59","date_gmt":"2016-05-31T18:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/horatiohufnagel.lima-city.de\/wordpress\/?p=242"},"modified":"2017-05-21T06:54:28","modified_gmt":"2017-05-21T06:54:28","slug":"die-verdrehung-des-placebo-effekts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horatiohufnagel.lima-city.de\/wordpress\/psychologie\/die-verdrehung-des-placebo-effekts\/","title":{"rendered":"Die Verdrehung des Placebo-Effekts"},"content":{"rendered":"<p>\u25ab Der Placebo-Effekt war urspr\u00fcnglich eingef\u00fchrt worden als Bezeichnung<br \/>\ninfolge von positiven Reaktionen auf a) Scheinmedikamente ohne Inhalt b)<br \/>\nskurille Heilmethoden ohne plausibles Wirkprinzip innerhalb medizinischer<br \/>\nStudien. Dabei sollten mit dem Placebo-Effekt gerade jene<br \/>\nErkl\u00e4rungsalternativen bezeichnet werden, welche ein \u201emind over<br \/>\nmatter\u201d-Prinzip ausschlossen &#8211; denn ohne dessen Ausschluss h\u00e4tte man die<br \/>\nWirksamkeit der erw\u00e4hnten skurrilen Heilmethoden ja auch gleich zugeben<br \/>\nk\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als Beispiele f\u00fcr Erkl\u00e4rungsalternativen w\u00e4ren n\u00e4mlich auch weitaus<br \/>\nallt\u00e4glichere Annahmen zu nennen, die mit weniger Annahmen auskommen &#8211; aus<br \/>\ntheoretischer Sicht also dem \u00d6konomieprinzip von Occam folgen. Denn sie<br \/>\nm\u00fcssen von weniger weitreichenden und umgreifenden Annahmen ausgehen, als<br \/>\njene, die n\u00f6tig w\u00e4ren, wollte man eine tats\u00e4chliche k\u00f6rperliche Ver\u00e4nderung<br \/>\ndurch geistige Ver\u00e4nderung im Sinne des \u201emind over matter\u201d Prinzips<br \/>\nbehaupten.<\/p>\n<p>Zum Beispiel der Interviewer-Effekt. Oder eine Verschiebung der<br \/>\nAufmerksamkeit: Wer einen Tinnitus hat, der kann durch Ablenkung zwar nicht<br \/>\nerreichen, diesen loszuwerden, aber zumindest, ihn nicht beziehungsweise<br \/>\nbedeutend weniger wahrzunehmen. Und f\u00fchlt man sich bei Beschwerden nicht<br \/>\nbedeutend besser, wenn man damit endlich beim Arzt ist, als wenn man durch<br \/>\nWarterei gequ\u00e4lt wird?<\/p>\n<p>Es geht mir an der Stelle nicht darum, den Placebo-Effekt zu erkl\u00e4ren,<br \/>\nsondern aufzuzeigen, da\u00df man, um ihn zu erkl\u00e4ren, nicht gleich mit Kanonen<br \/>\nauf Spatzen schie\u00dfen muss, sondern allt\u00e4gliche Alternativerkl\u00e4rungen<br \/>\ndurchaus in der Lage sind, die positiven Reaktionen zu erkl\u00e4ren. Genannt<br \/>\nseien hier bloss der Barnum-Effekt und<\/p>\n<p>&#8211; <a class=\"ulink\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barnum-Effekt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barnum-Effekt<\/a><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Response_bias\">https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Response_bias<\/a><\/p>\n<p>\u25ab Im Laufe der Geschichte aber wandelte sich der Sprachgebrauch. Zuerst<br \/>\nvollzog sich die Bedeutungswandlung dahingehend, da\u00df der \u201ePlacebo-Effekt\u201d<br \/>\nnun ein Bezeichner f\u00fcr <a href=\"http:\/\/tvtropes.org\/pmwiki\/pmwiki.php\/Main\/OneMythToExplainThemAll\">OneMythExplainThemAll<\/a> wurde: Die mind-over-matter<br \/>\nInterpretation wurde tats\u00e4chlich gebr\u00e4uchlich. Statt der Aussage, da\u00df der<br \/>\nTest-Patient lediglich ein Eindruck einer Besserung hat &#8211; die meistens so<br \/>\ngravierend gar nicht ist &#8211; wurde von einer psychologisierten Medizin nun<br \/>\ndie Aussage vertreten, da\u00df sich nicht die Wahrnehmung des Patienten in<br \/>\nBezug auf das Leiden, sondern das Leiden selbst \u00e4ndert. Nun, da man die<br \/>\nweitreichenden und umgreifenden Annahmen des \u201emind over matter\u201d-Prinzips<br \/>\nzugegeben hat, k\u00f6nnte man nat\u00fcrlich auch die Wirksamkeit der skurillen<br \/>\nHeilmethoden zugeben. Diese Schlu\u00dffolgerung aber zieht man nicht. Der<br \/>\nPlacebo-Effekt wird zu einem neuen Abgrenzungskriterium zu<br \/>\nAussenseitertheorien. Die thats\u00e4chliche Ver\u00e4nderung des Leiden selbst darf<br \/>\nalleine mit der offiziellen \u201eTheorie\u201d von k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen durch<br \/>\ngeistige Ver\u00e4nderung, n\u00e4mlich der \u203aPsychosomatik\u2039 erkl\u00e4rt werden. In diesem<br \/>\nFall gilt die Annahme dann irrigerweise als \u201ewissenschaftlich\u201d, was<br \/>\nausreichendes Zeichen der totalen Verbl\u00f6dung der Medizin durch<br \/>\nPsychogeschwafel ist.<\/p>\n<p>\u25ab Aber die Bedeutungswandlung wurde noch radikaler. Der Placebo-Effekt soll<br \/>\nheutezutage nicht nur im Sinn eines \u203aAbgrenzungskriterium\u2039 fungieren, um<br \/>\ndie Wirksamkeit von Aussenseitertheorien zu entkr\u00e4ften. Die Bezeichnung<br \/>\nwird von der Psychologie zum Kampfbegriff, zum populistischen Beispiel f\u00fcr<br \/>\ndie angebliche Wirkm\u00e4chtigkeit des Seelischen \u00fcber die Materie schlechthin erhoben. Wir<br \/>\nstellen also die Verdrehung der Bedeutung des sprachlichen Zeichens um 180\u00b0<br \/>\nim Gegensatz zu seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung durch die Psychosomatik<br \/>\nfest.<\/p>\n<p>\u25ab Das Publikum verbl\u00fcffen: \u201eIsn&#8217;t our brain mavellous? The brain amazes!\u201d<\/p>\n<p>Immer wieder bedienen sich nun Psychologen <span style=\"text-decoration: underline;\">und insbesondere doctor-writer mit ihren verk\u00fcrzenden, rein auf Publikumswirksamkeit abzielende Darstellung medizinischer Thematiken<\/span> des durch sie mystifizierten Placebo-Effektes um Bauernf\u00e4ngerei zu betreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u25ab Der Placebo-Effekt war urspr\u00fcnglich eingef\u00fchrt worden als Bezeichnung infolge von positiven Reaktionen auf a) Scheinmedikamente ohne Inhalt b) skurille Heilmethoden ohne plausibles Wirkprinzip innerhalb medizinischer Studien. 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